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24.03.2013
"Mein Essen zahl ich selbst
400 Mediziner des Vereins Mezis wollen sich nicht mehr von der Pharmaindustrie verführen lassen

Unbestechlicher Arzt? | FOTO: DPA

"Hersteller von Medikamenten zeigen sich gerne erkenntlich, wenn Ärzte gut mit ihnen zusammenarbeiten", sagt Eckhard Schreiber-Weber. Der Allgemeinmediziner aus Bad Salzuflen kennt solche Angebote von früher, als Pharmavertreter ihn regelmäßig in seiner Praxis besuchten, damit er ihre Medikamente verschreibt. Joachim Göres berichtet.

Seit Jahren empfängt er sie nicht mehr, nimmt keine kostenlosen Musterpackungen an und ignoriert Studien, die von Pharmakonzernen mit dem Ziel gesponsert wurden, den Nutzen ihrer neuesten Entdeckung aus der Welt der Pillen, Säfte und Salben nachzuweisen.

"Es gibt nicht wenige Ärzte, die jeden Tag unangemeldeten Besuch von Pharmavertretern bekommen. Die oft anstrengenden Gespräche spare ich mir, dafür habe ich mehr Zeit für meine Patienten", sagt Schreiber-Weber, der im Jahre 2007 mit anderen Ärzten den Verein Mezis gründete.

Mezis - das ist die Abkürzung für "Mein Essen zahl ich selbst. Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte". Schreiber-Weber gehört dem Vorstand des heute bundesweit rund 400 Mitglieder zählenden Vereins an. Die Mezis-Ärzte - vor allem Allgemeinmediziner, Internisten, Neurologen und Gynäkologen - lehnen Geschenke von Pharmaherstellern wie zum Beispiel als Fortbildung getarnte Werbeveranstaltungen ab.

So schätzt die Kassenärztliche Vereinigung Bayern, dass 90 Prozent der Seminare für Mediziner von der Pharmabranche finanziert werden, die dort für ihre neu auf den Markt gebrachten Medikamente wirbt. Mehr als 1,5 Milliarden Euro stecken Arzneimittelhersteller laut der Anti-Korruptions-Initiative Transparency International jährlich in die Weiterbildung deutscher Ärzte. Dazu gehört die kostenlose Onkologie-Fortbildung auf Kreta oder irgendwo anders im sonnigen Süden, zu der auch der Partner auf Kosten des Veranstalters eingeladen ist. Kontroverse Diskussionen über den Wert der vorgestellten Studien gibt es hier selten, umso mehr Zeit ist für Sightseeing und kulinarische Genüsse eingeplant - so wird gute Stimmung geschaffen.

"Die Beeinflussung läuft meistens nicht als plumpe Bestechung, sondern viel subtiler", sagt Werner Schwarz. Seinen richtigen Namen möchte er nicht veröffentlicht sehen - "die Pharmaindustrie ist viel zu mächtig, als dass man sich als Arzt mit ihr anlegen sollte". Der in einer eigenen Praxis arbeitende Homöopath und Allgemeinmediziner war früher angestellter Arzt und erinnert sich so an diese Zeit: "Zehnmal im Jahr bekam die Praxis Besuch von Pharmavertretern einer bestimmten Firma. Immer wieder ein anderes Gesicht, immer wieder dasselbe Medikament, das beworben wurde. ,Helfen Sie mir, ich bin neu im Gewerbe war die Botschaft, die die Vertreter unterschwellig vermittelten und damit an das Helfersyndrom des Arztes appellierten. Steter Tropfen höhlt den Stein, meist mit Erfolg", sagt Mezis-Mitglied Schwarz."Ich habe lange studiert und verdiene dafür eigentlich zu wenig Geld. Warum soll ich mich denn nicht ein wenig verwöhnen lassen." Solche und ähnliche Rechtfertigungen hört Schreiber-Weber von seinen Kollegen, wenn er ihnen von Mezis erzählt. Besonders kritisch sieht der Mediziner die sogenannten Anwendungsbeobachtungen - Ärzte bekommen Geld von der Pharmaindustrie, wenn sie ein neues Medikament ihren Patienten verordnen und ihre Erfahrungen schriftlich dokumentieren.

"Diese Fragebogen werden von den Firmen gar nicht ausgewertet, es geht nur um die Verbreitung des neuen Mittels. Die Patienten wissen nichts davon. Wenn der Arzt also die Medikation umstellt, sollte man als Patient ruhig fragen, ob es um eine Anwendungsbeobachtung geht", empfiehlt Schreiber-Weber. Ist denn die Mehrzahl der 130.000 niedergelassenen Ärzte in Deutschland korrupt? "Nein, aber die meisten nehmen Geschenke gerne an und sind überzeugt, dass man sie dadurch nicht manipulieren kann. Doch das ist ein Irrtum", sagt der 59-Jährige. Er verweist auf Studien, wonach Ärzte verstärkt neue, teuere Medikamente ohne nachgewiesenen Zusatznutzen verschreiben, wenn sie regelmäßigen Kontakt mit Pharmavertretern hatten.

David Klemperer, einst Assistenzarzt und heute Professor an der Hochschule Regensburg, wundert das nicht. Nach seinen Untersuchungen sind die rund 15.000 Pharmareferenten bei ihren jährlich 20 Millionen Praxisbesuchen sehr erfolgreich darin, eine freundschaftliche Beziehung zum Mediziner aufzubauen. Geschenke werden gezielt eingesetzt - und so erreicht, dass sich der Arzt revanchieren will, um dem Vertreter gegenüber nicht in der Schuld zu bleiben.

Schreiber-Weber vertraut dagegen lieber bewährten Pillen und Tropfen, die sicherer und meist deutlich günstiger sind als neu auf den Markt gebrachte Mittel: "Ich arbeite so deutlich wirtschaftlicher, was letztlich allen Patienten zugutekommt und der therapeutische Erfolg ist größer." Patienten rät er, beim nächsten Arztbesuch einmal das Wartezimmer genauer unter die Lupe zu nehmen. Wo Plakate und Kalender von Pharmafirmen an den Wänden hängen, wo überall Broschüren, Kulis und Notizzettel mit dem Logo eines Konzerns oder eines Medikaments herumliegen, da scheint es nicht gut um die ärztliche Unabhängigkeit bestellt zu sein.

"Pharmakonzerne bezahlen Computer-Software, durch die ihre Medikamente in der ärztlichen Praxis beworben werden. Ihre Werbung findet sich überall, so dass man sie schon gar nicht mehr bewusst wahrnimmt. Es hat Wochen gedauert, bis ich in meiner Praxis und zu Hause alles gefunden und aussortiert habe", sagt Schreiber-Weber.


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