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21.03.2013
Wenn Schnarchen zum Albtraum wird
Nächtliches "Sägen" belastet viele Beziehungen, angebliche Wundermittel bringen meistens wenig

Lautstarkes Schnarchen | FOTO: DPA

Schon Heidruns Vater hatte geschnarcht. Deshalb gab ihr die leidgeprüfte Mutter einen Rat mit auf den Weg: "Heirate niemals einen Schnarcher!" Doch Heidrun hielt sich nicht daran: Ihr Mann gehört zu jenen Menschen, die fast jede Nacht lautstark "sägen". Das ist allerdings kein Privileg der Männer. Angela Stoll berichtet.

Ohne Ohrstöpsel findet die Mutter zweier kleiner Kinder kaum Ruhe: "Im Urlaub hatte ich sie einmal vergessen. Die erste Nacht war ein Albtraum! Ich habe meinen Mann mehrfach geweckt, beschimpft und sogar gedroht, dass ich mich von ihm trenne. Erst gegen fünf Uhr konnte ich endlich schlafen."

Schnarchen ist etwas fast Alltägliches. Die Angaben zur Häufigkeit schwanken stark, klar ist aber: Mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit. Prof. Thomas Kühnel, HNO-Arzt am Universitätsklinikum Regensburg, schätzt, dass etwa 60 Prozent aller Männer ab 40 Jahren schnarchen. "Solche Zahlenangaben sind aber immer mit Vorsicht zu genießen, da die Angaben vom Partner stammen", sagt er. Wie stark die Bettnachbarin oder den Bettnachbarn das Schnarchen stört, ist unterschiedlich - eine große Rolle spielt dabei, ob der Partner ohnehin schon Schlafprobleme hat.

Für Beziehungen kann der nächtliche Dauerlärm belastend sein. "Wenn der Partner so laut schnarcht, dass man nicht einschlafen kann, nervt das ungemein", sagt der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger. "Da entstehen manchmal richtige Wutgefühle." Immerhin können die Geräusche bis zu 90 Dezibel erreichen und damit lauter als ein Staubsauger sein. Bevor die Situation eskaliert, sei es besser, vorübergehend getrennt zu schlafen, rät Krüger. Als Dauereinrichtung sind getrennte Schlafzimmer aber nicht empfehlenswert: "Das gemeinsame Einschlafen und Aufwachen hat in einer Liebesbeziehung eine besondere Qualität." Daher rät Krüger, flexibel zu bleiben und nach Möglichkeiten zu suchen, die für beide befriedigend sind.

Schnarchen entsteht im Schlaf, weil sich die Muskeln im Hals-Nasen-Rachenraum entspannen. An Engstellen des oberen Atemwegs beginnen dann Weichteile zu vibrieren, so dass ein knatterndes Geräusch entsteht. Oft ist das Gaumensegel der "Schnarchgenerator", wie Kühnel erklärt: Bei Schnarchern flattert es "wie ein Segel im Wind" im Sog der Atemluft und erzeugt dadurch die lautstarken Geräusche.

Immerhin ist es tröstlich zu wissen, dass der Mensch erst durch seine Fähigkeit zu sprechen zum Schnarchen in der Lage ist. Joachim Maurer von der Universitäts-HNO-Klinik Mannheim sagt: "Im Laufe der Evolution ist der Kehlkopf des Menschen nach unten gewandert." Dadurch entstand zwischen Gaumen und Kehlkopf ein weicher Bereich, der es dem Menschen ermöglichte, verschiedene Laute zu bilden. Im Schlaf laufen die "Weichteile" aber Gefahr, in sich zusammenzufallen, so dass Schnarchgeräusche entstehen können.Dass Männer häufiger betroffen sind, liegt vor allem an den Hormonen. Männliche Hormone bewirken, dass die Muskulatur nachts erschlafft, so dass die Geräusche leichter entstehen, wie Maurer erklärt. Bei Frauen nimmt das "Schnarch-Risiko" in der zweiten Lebenshälfte stark zu, weil der Einfluss männlicher Geschlechtshormone mit den Wechseljahren wächst. Außerdem spielt bei Männern das typische Fettverteilungsmuster eine Rolle: "Sie nehmen vor allem in der oberen Körperhälfte zu und lagern an Bauch und Hals Fett ein", sagt Maurer. Dadurch verengen sich auch die Atemwege.

In vielen Fällen ist das Schnarchen zwar für den Partner störend, aus medizinischer Sicht aber harmlos. Gefährlich wird es nur dann, wenn es im Schlaf zu Atemaussetzern kommt: Dadurch wird das Blut schlechter mit Sauerstoff versorgt, so dass der Körper Alarm schlägt und sich sozusagen selbst weckt. Der Schlaf ist somit weniger erholsam. Die so genannte Schlafapnoe kann nicht nur dazu führen, dass die Betroffenen tagsüber in einen Sekundenschlaf fallen, sondern erhöht auch das Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkte und Schlaganfälle. Alarmiert sein sollten Schnarcher Kühnel zufolge vor allem dann, wenn sie sich nicht erholt fühlen, obwohl sie genauso viel schlafen wie früher.

Weil die Apnoe häufig nicht erkannt wird, empfiehlt Maurer Schnarchern grundsätzlich einen Besuch beim HNO-Arzt. "Wer tagsüber unter Dampf steht, schüttet manchmal so viel Adrenalin aus, dass er seine Schläfrigkeit nicht bemerkt", sagt er. Stellt der Arzt weitere verdächtige Symptome wie hohen Blutdruck fest, wird er den Patienten genauer untersuchen und eventuell in ein Schlaflabor überweisen. Außerdem gibt es inzwischen immer mehr Hinweise, dass "normales" chronisches Schnarchen oft einer Apnoe vorausgeht, wie Maurer berichtet. "Deshalb erscheint es sinnvoll, auch das normale Schnarchen konsequent zu behandeln", sagt der Schlafmediziner.

Was aber hilft wirklich gegen das Schnarchen? Bringen all die Anti-Schnarch-Tropfen, Pflaster, Akupressur-Fingerringe oder elektronischen Sensoren etwas, die in Apotheken oder übers Internet angeboten werden? "Das ist reine Geldmacherei", lautet Maurers vernichtendes Urteil. "Mag sein, dass etwas davon im Einzelfall hilft. Das weiß man aber nicht vorher."

Ein Wundermittel gegen das nächtliche Sägen gibt es nicht. Aber: Wer nur in Rückenlage schnarcht, kann sie vermeiden, indem er eine spezielle Weste oder einen Rucksack trägt. Einen weiteren wenig beliebten Therapievorschlag hat Kühnel parat: "Stark übergewichtigen Schnarchern hilft es oft sehr, wenn sie ihr Gewicht reduzieren", sagt er. "Aber es gelingt ihnen meist nur schwer." Hilfreich sind in vielen Fällen Zahnschienen, mit denen der Unterkiefer nach vorne geschoben und der Rachen geöffnet wird. Sie sind aber nicht für jeden geeignet und sollten von einem Spezialisten angepasst werden. Das hat seinen Preis: Je nach Modell kann eine individuell angefertigte Schiene hunderte von Euro kosten. Günstige Allround-Spangen zum Selber-Anpassen, wie sie übers Internet vertrieben werden, seien oft wirkungslos, warnt Maurer.

Bei einer Operation sind Ärzte heute zurückhaltend: "Wenn jemand nur schnarcht, sonst aber gesund ist, ist es fraglich, ob man ihm die Risiken einer Operation zumuten darf", sagt Kühnel. Wenn der Patient operiert wird, sollten minimal-invasive Verfahren angewandt werden, die wenig Risiken haben, betont er. Zum Beispiel lässt sich der Weichgaumen durch ein Implantat versteifen, so dass er weniger flattert. Dadurch bessere sich das Schnarchen in der Regel. "Es gibt aber keine Methode mit Garantie", sagt Kühnel. "Und selbst wenn man Erfolg hat, verschwindet das Schnarchen meistens nicht ganz."


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