Dortmund. Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte verzögert sich seit 2006 immer wieder. Jetzt versucht der Gesetzgeber, sie durch die Hintertür unter die Leute zu bringen. Bis zum 31. Dezember müssen die gesetzlichen Krankenkassen mindestens zehn Prozent ihrer Versicherten mit einer abgespeckten Karte ausstatten. Die muss wenigstens das Foto des Inhabers tragen. Gelingt ihnen das nicht, droht den Kassen eine Vertragsstrafe von zwei Prozent ihrer Verwaltungskosten.
Plastikkarte noch ohne Zusatznutzen
- Für Patienten bringt die neue Versichertenkarte mit Foto zunächst keinen Zusatznutzen.
- Das Foto auf der neuen Versichertenkarte erschwert lediglich den Missbrauch.
- Die Karte ist darauf vorbereitet, später einmal auf freiwilliger Basis Notfalldaten des Inhabers und elektronische Verordnungen des Arztes aufzunehmen.
- Der elektronische Arztbrief bleibt Zukunftsmusik.
Kein Wunder also, dass viele gesetzlich Versicherte dieser Tage Post von Barmer, AOK und Co. mit der Bitte bekommen, doch schnell ein Foto zu schicken. Die AOK Nordwest bietet ihren Versicherten sogar einen besonderen Service und fordert dazu auf, "das dringend erforderliche Foto für Ihre Gesundheitskarte" direkt in einem AOK-Kundencenter anfertigen zu lassen. "Selbstverständlich kostenfrei", wie AOK-Regionaldirektor Frank-Olaf Kassau betont.
Die AOK Nordwest hat inzwischen Fotos von 57 Prozent (120.000) ihrer Versicherten. "Wir wollen aber", so Pressesprecher Jens Kuschel, "auf alle Fälle die Zehn-Prozent-Marke überschreiten, weil es ja nächstes Jahr weitergeht und ab 2013 alle gesetzlich Versicherten eine Karte mit Foto haben müssen."
Zuversichtliche Kassen
Bei der BKK-Bertelsmann ist man, was die Zielmarke am 31. Dezember betrifft, völlig gelassen: "Wir haben schon seit 2009 Fotos angefordert, und die liegen uns inzwischen von 70 Prozent unserer Versicherten vor", sagt Projektleiterin Nicole Ackemann. Ab Mitte November gibt die BKK-Bertelsmann dann die Karten mit Foto aus. Ackemann: "Die Zehn-Prozent-Hürde schaffen wir leicht!" Das dürfte auch für die DAK gelten, der in NRW, hier hat sie ihre Beschaffungsaktion gestartet, bisher Fotos von 60 Prozent ihrer Versicherten vorliegen. Pressesprecher Rainer Lange: "Täglich gehen weitere Fotos bei uns ein, die zehn Prozent schaffen wir."
Bei der Barmer-GEK liegen derzeit noch keine Rücklaufquoten vor. "Wir warten", heißt es bei der größten deutschen Krankenkasse, "bis wir ein gewisses Maß erreicht haben, dann beginnen wir, die neuen Karten zu verschicken." Regionaldirektor Jürgen Uppenbrock empfiehlt dringend, die alte Karte nicht wegzuwerfen, auch wenn man die neue mit Foto in Händen hält. "Längst nicht alle Arztpraxen sind schon mit den Lesegeräten für die neuen Karten ausgestattet, das könnte im Einzelfall zu einem Problem führen."
Und tatsächlich: Heike Achtermann von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe berichtet von "Lieferschwierigkeiten" zweier großer Praxisausstatter. Gestern hatten 76,4 Prozent aller Vertragsarztpraxen in Westfalen-Lippe die Geräte. Die "Vorteile der neuen Karte", die die AOK beschwört, gelten allerdings vorläufig nur für die Krankenkassen selbst. Das Foto erschwert lediglich den Missbrauch. Ab wann die Karte die Funktionen erhalten wird, für die sie eigentlich gedacht ist, bleibt vorläufig völlig offen.
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