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16.12.2011
Barfußlaufen für Diabetiker tabu
Chefarzt für Gefäßchirurgie beschreibt die Möglichkeiten, dem Blut wieder Bahnen zu schaffen

Alarmzeichen beachten | FOTO: CLAUDIA SCHLOEMANN

In Deutschland werden jährlich etwa 40.000 Füße amputiert. Nicht etwa, weil die Patienten schwere Unfälle hätten: 70 Prozent aller Amputationen erfolgen aufgrund von Diabetes, weltweit wird alle 30 Sekunden eine Amputation wegen Diabetes vorgenommen, Zehenkuppen genauso eingeschlossen wie Unterschenkel. Da die Menschen älter werden, gibt es immer mehr Betroffene. "Dass die Amputationsrate trotzdem stagniert, ist ein Erfolg", sagt Dr. Ralf-Gerhard

Ritter, Chefarzt der Klinik für Gefäß- und Endovaskular-Chirurgie am Städtischen KlinikumBielefeld. Beim NW-Treff in der Capella Hospitalis referierte er über den Erhalt der Gehfähigkeit bei Patienten mit diabetischem Fußsyndrom.
Christiane Bernert berichtet.

Der Patient trägt ein hohes Maß an Mitverantwortung", betont Ritter und rät allen Patienten, sich täglich intensiv mit der Pflege ihrer Füße zu beschäftigen. Dazu gehöre unter anderem, Zehennägel kurz zu halten und Hornhautschwielen rechtzeitig zu vermeiden. "Die Haut wird an diesen Stellen, beispielsweise an der Ferse, ganz starr und hart. Sie reißt unbemerkt auf, Keime treten ein, Infektionen breiten sich aus", berichtet Ritter. Wichtig sei, die Schwielen oberflächlich abzutragen ohne dabei einen Hobel zu benutzen, denn der sei für die Pflege der Füße viel zu grob.
Geeignete Schuhe sind für Diabetiker eine Grundvoraussetzung, um die Gehfähigkeit zu erhalten, denn sie schützen den empfindlichen Fuß.

Ein Tabu für Diabetiker: Barfußlaufen. "Die Zuckerkrankheit zerstört in einem schleichenden Prozess die kleinen Nerven in den Füßen und schränkt Gefühlswahrnehmungen dauerhaft und massiv ein", sagt Ritter. So spüren Diabetiker kleine Verletzungen an den Füßen nicht, die Gefahr, dass sich Wunden entzünden und nur schwer verheilen, ist groß. Ritter: "Drastisch ausgedrückt kann das Barfußlaufen die Amputation des Unterschenkels nach sich ziehen."

Die Struktur des gesamten Fußes ändert sich

Da es zu einer Rückbildung der Fußmuskulatur kommt, verändert sich die Struktur des ganzen Fußes. Manchmal drücken sich die Mittelfußknochen über die Fußsohle hinaus, wichtig ist dann die Weichbettung ein einem speziellen orthopädischen Schuh. Ein seltener Fall des diabetischen Fußsyndroms ist der Schaukelfuß, auch bekannt als "Charcot-Fuß": Das Fußgewölbe bricht ein, unter dem Fuß ist statt eines Fußbogens ein Hubbel, auf dem enormer Druck lastet. Mithilfe einer Orthese kann eine solche Fehlstellung therapiert werden.Bei allen Komplikationen, die aufgrund von Entzündungen an den Füßen entstehen, ist das Ziel der Ärzte, defektes Gewebe wiederherzustellen und Wunden so zu behandeln, dass sie abheilen.

Das ist bei einer verminderten Durchblutung des Fußes, der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (paVK), ein schwieriger und langwieriger Prozess. Hat ein Diabetiker eine paVK, liegen häufig schwere Infektionen vor, die das Gewebe massiv in Mitleidenschaft ziehen.

Die Diagnose erfolgt über verschiedene Wege: Wenn das Tasten des Pulses am Innenknöchel und am Fußrücken schwierig ist, wird eine Dopplerverschlussdruckmessung gemacht, außerdem eine Ultraschall-Untersuchung, eine "Farbduplexsonograhie": Sie ermöglichst die farbige Darstellung der Blutgefäße. "Bei der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit sind insbesondere die Unterschenkelgefäße geschädigt", sagt Ritter, der in bestimmten Fällen eine interventionelle Diagnostik für gut hält, also eine "eingreifende Diagnostik". Ritter: "Nach einer örtlichen Betäubung dringen wir mit feinen Instrumenten über die Leiste des Patienten durch die Arterie in seinen Unterschenkel ein, um die Verschlusstrecke, die vorher mittels einer Angiographie dargestellt wurde, genau zu untersuchen.

Der Fuß wird wieder durchblutet

Bei dieser Methode haben wir die Möglichkeit, den Verschluss mittels eines Ballons aufzudehnen oder durch eine Drahtpassage zu öffnen." So wird der Fuß wieder durchblutet, Wunden schließen sich. Zwar halte eine solche Überbrückung enger Stellen oft nur etwa drei Monate, das reiche aber, um ein vollständiges Abheilen einer offenen Stelle zu gewährleisten.

Helfen diese Maßnahmen alle nicht, den Heilungsprozess anzuschieben, muss als letzte Möglichkeit operiert werden. Ein typischer Diabetiker-Bypass reicht von der Kniekehle bis in den Fuß. "Der Operateur muss lange üben, bis er das kann, es ist eine Fummelarbeit", sagt Ritter, der die Bypässe möglichst aus körpereigenem Material gewinnt. "Man kann einen Unterschenkel-Bypass auch aus einer Armvene legen." Das sei besser, als ein Kunststoffbypass, der mit sechs Millimetern etwa zwei Millimeter dicker ist als sein natürliches Vorbild und deswegen weniger Druck für das durchfließende Blut aufbaut.


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