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07.12.2012
Demenz: Wenn Liebe die Erinnerung ersetzt
Nach 54 Jahren verändert die Diagnose alles - ein Hausbesuch bei einem besonderen Ehepaar aus Enger
VON MIRIAM SCHARLIBBE

Ein Leben lang zusammen | FOTO: MIRIAM SCHARLIBBE

Enger. Besonders schnell verschwinden die Zahlen. "Weißt du noch, wie alt du bist Liebes?", fragt er seine Frau. "70", sagt sie. "Nein, so jung bist du nicht mehr", widerspricht er sanft. Sie reagiert trotzig: "Dann bin ich eben 73." Er diskutiert nicht mit ihr, blickt traurig auf den Tisch. Sie legt ihre Hand auf sein Knie, als wolle sie ihn trösten.

Eigentlich sind beide fröhliche Menschen. Sie lachen viel, necken sich oft, wie frisch verliebte Teenager. Doch wenn er über die Krankheit seiner drei Jahre jüngeren Frau spricht, bekommt der 78-Jährige nach wenigen Sätzen feuchte Augen.

Dass etwas nicht stimmte, merkte er vor mehr als zwei Jahren. Seine Frau war oft orientierungslos, wirkte durcheinander. Anfangs ärgerte sich der Ehemann, dann machte er sich Sorgen. Als sie anfing, im Winter Wäsche im Garten aufzuhängen und eimerweise Wasser direkt in die Trommel der Waschmaschine zu schütten, beschloss er, den Arzt aufzusuchen. Die Demenz verändert seine Frau stetig. Die Krankheit wirkt sich nicht nur auf die Erinnerung aus, auch der Charakter verändert sich.

Info

Hilfe und Angebote

Die Alzheimer-Beratungsstelle Enger bietet Gespräche, Betreuung im Generationen-Treff Enger (GTE) und individuelle Begleitung für Menschen mit einem besonderen Betreuungsaufwand an.

Pflegende Angehörige erhalten Beratung, Begleitung, Information und Hilfe bei Anträgen. An jedem dritten Montag im Monat gibt es ab 19 Uhr im GTE einen Gesprächskreis für Familien von Demenzkranken.

Kontakt kann über die Alzheimer-Beratungsstelle Enger an der Werther Straße 22, Tel. (0 52 24) 93 75 63, aufgenommen werden. (scha)

54 Jahre ist das Ehepaar verheiratet. Seit dem Tag ihrer Hochzeit sind die beiden ein Team - Mann und Frau, Partner fürs Leben.

Familie, Bekannte, Nachbarn wissen Bescheid

Frisch vermählt verließ das Paar die Heimat, kam 1958 nach Enger. Hier zogen sie beide ihre Kinder groß, arbeiteten, fanden Freunde. Nach der Diagnose erfuhren die Eheleute vor allem Unterstützung beim Generationen-Treff Enger. Familie, Bekannte und auch einige Nachbarn wissen ebenfalls von der Krankheit. Das Ehepaar möchte seine Namen dennoch nicht in der Zeitung abgedruckt sehen. "Nicht jeder findet es gut, dass ich so offen über den Zustand meiner Frau rede", sagt er. Demenz sei immer noch ein Tabu-Thema.

Seine Frau bekommt Medikamente. Die sollen helfen, dass die Krankheit nicht so schnell fortschreitet. Eine der Tabletten soll die Aggressionen verhindern. Die Pflegerin, die den Ehemann einmal pro Woche unterstützt, konnte seine Frau nicht waschen. "Vieles wird schwieriger mit Demenz", sagt er.

Früher haben die Ehepartner oft "Elfer raus" gespielt, heute geht das nicht mehr. Jetzt spielt sie gerne "Mensch ärgere dich nicht", vorwiegend mit der netten Dame, die manchmal vorbeikommt, damit der Ehemann eine Pause hat. Bis zu 200 Euro kann er monatlich für die Betreuung seiner pflegebedürftigen Frau von der Krankenkasse bekommen. Mensch-ärgere-dich-nicht-spielen mit der netten Dame kostet zehn Euro pro Stunde. Wenn er einmal in der Woche drei Stunden bei seinem Verein ist, sind schon 120 Euro weg.
Sie weiß, dass sie dement ist.Ihr Mann spricht offen mit ihr. Aber manchmal vergisst sie es auch. Dann sucht sie den Schlüssel, wenn die Wohnungstür abgeschlossen ist. "Das ist doch zu deiner Sicherheit, Liebes", sagt er.

Schwierig ist es für die Kinder

Er schließt immer ab, seit seine Frau einmal in der Nacht die Wohnung verlassen hat. Im Schlafanzug hatte sie die Stadt nach ihrem Mann abgesucht. "Sie hatte einfach vergessen, dass ich neben ihr im Bett liege", sagt er. Er hat viel Geduld. Inzwischen hat er alle Haushaltspflichten übernommen. "Das macht mir nichts", sagt der 78-Jährige. "Meine Frau hat das ja auch lange gemacht."

Für die Kinder sei es besonders schwierig, sagt er. Er habe das Gefühl, dass die Besuche mit dem Fortschreiten der Demenz abnehmen. Seine Frau sieht das anders: "Unsere Kinder kommen einmal pro Woche", sagt sie. "Schön wär’s", sagt ihr Mann, und guckt auf die Kuchenkrümel.

Manchmal kann Vergessen auch helfen. Kuchen sei übrigens die große Leidenschaft seiner Frau, sagt er. Früher habe sie auch selbst gebacken. "Meine Frau will immer und überall essen, da muss ich schon aufpassen", sagt er. "Ja, weil du geizig bist", sagt sie. Beide lachen und nehmen sich an die Hand. Zieht er die Finger kurzzeitig weg, bleibt ihre Hand ruhig auf dem Tisch liegen und wartet, dass die seine zurück kommt. Dauert es ihr zu lange, beginnt sie mit den Fingern zu tippeln. Sie braucht Halt.

"Einer weiß, wann Sonntag ist, und sagt es dem anderen"

"Mit den Zeiten kommt sie auch nicht mehr zurecht", sagt er und fragt seine Frau nach dem Wochentag. Sie verwechselt Freitag mit Sonntag. "Das ist nicht so schlimm", sagt er. "Einer weiß, wann Sonntag ist, und sagt es dem anderen." Sie sagt: "Du Lümmel." Er sagt: "So lange sie mich Lümmel nennt und nicht Lump, ist alles in Ordnung."

Die meiste Zeit sind sich die Eheleute einig, nur nicht bei der passenden Zeit zum Schlafengehen. "Meine Frau will immer früh schlafen, und mich schon um halb acht ins Bett holen", sagt er. "Ich bin aber eine Nachteule." Sie lacht.

"Ja, ja, eine Nachteule, das bist du", sagt sie. "So haben wir alle unsere Krankheiten."


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