Sonnabend, 19.05.2012
Impressum | Kontakt | AGB Facebook | Twitter | nw-news.de



16.02.2012
Studie: Antibiotika-Einsatz variiert regional
Zweifelhafte Allzweckwaffe
VON PETER STUCKHARD

Unterschiedlich | Symbolfoto: dpa

Gütersloh. Nicht nur die Geflügelmäster erhalten die Gesundheit von Hähnchen, Pute und Co. gerne mit Antibiotika. Auch die deutschen Ärzte verlassen sich auf deren Wirksamkeit. Besonders bei Kindern. Denen werden, so die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie, deutlich mehr Antibiotika verordnet als Erwachsenen. Nicht immer sei das, so die Studie, "sinnvoll und notwendig".

Außerdem lassen sich im Verordnungsverhalten der Ärzte bundesweit, aber auch in Ostwestfalen-Lippe deutliche regionale Unterschiede ablesen. So verschreiben in den Kreisen Höxter und Paderborn die Ärzte mit 42 Prozent am häufigsten Antibiotika an Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 17 Jahren, die Ärzte in der Stadt Bielefeld sind hier mit 27,6 Prozent am zurückhaltendsten.

Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen hat für die Stiftung auf der Grundlage von Daten der Barmer-GEK die möglichen Hintergründe, Ursachen und Folgen der Verordnungspraxis untersucht. Besonders häufig werden danach Antibiotika bei akuter Mittelohrentzündung, fiebriger Erkältung und Grippe eingesetzt. Da es sich hierbei aber meistens um Virusinfekte handelt, helfen Antibiotika vielfach gar nicht, da sie nur gegen bakterielle Keime wirken. Werden sie zu häufig und unnötig eingenommen, besteht vielmehr die Gefahr, dass sie dann keine Wirkung mehr zeigen, wenn sie wirklich notwendig sind.

Die Auswertung zeige, dass verschiedene Facharztgruppen sehr unterschiedlich verschreiben, bemerkt Stefan Etgeton von der Stiftung. "Bei nichteitrigen Mittelohrentzündungen, bei denen Antibiotika laut Leitlinien nur in Ausnahmefällen angezeigt sind, verordneten 33 Prozent der Hausärzte Antibiotika, aber nur 17 Prozent der Kinderärzte und 9 Prozent der HNO-Ärzte. Bei Lungenentzündung, wo die Verordnung von Antibiotika angezeigt ist, waren es 80 Prozent der Kinderärzte, aber nur 66 Prozent der Hausärzte." Das mag auf die beiden speziellen Krankheitsbilder zutreffen. Generell aber, so die Studie, sind es mit 44,6 Prozent die Kinder- und Jugendärzte, die am häufigsten Antibiotika verordnen, dann erst folgen die Allgemeinmediziner mit 42,6 Prozent.

Die Art der Dateninterpretation mit einem kritischen Blick auf die Allgemeinmediziner treibt dem Sprecher der Bielefelder Hausärzte Ulrich Weller "die Nackenhaare hoch". Schuldzuweisungen mit Prozentzahlen seien "keine Wissenschaft". Auch Hausärzte verschrieben nicht einfach leichtfertig Antibiotika. Sie seien allerdings – genau wie die Kinderärzte – unter anderem den Erwartungen der Eltern ausgesetzt. Attila Altiner, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin der Medizinischen Fakultät Rostock, spricht da von einem "antibiotischen Missverständnis", einem Teufelskreis: Patienten erwarten bei fiebrigen Erkältungen, Grippe und Mittelohrentzündung irrtümlicherweise Antibiotika, Ärzte interpretieren die Forderung nach Schmerzlinderung und Fiebersenkung als Wunsch nach einem Antibiotikum, dem sie durch ein Rezept nachkommen.

Dadurch entstehe beim Patienten wiederum das Bild, dass diese Medikamente zur Heilung einer Bronchitis notwendig seien. Ein Schnelltest auf eine bakterielle Infektion könnte dem Arzt die Verordnungsentscheidung erleichtern. Für den muss er aber 1,15 Euro aus eigener Tasche zahlen.


Weitere Nachrichten aus der Medizin
Es Händedesinfektionen können Leben retten
Nach Schätzungen der Deutschen Krankenhaus Gesellschaft infizieren sich jährlich eine halbe Million Menschen mit "Krankenhaus-Keimen". Eine... mehr
Infektionen in Kliniken: Zahlen werden geschönt
Berlin. Mehr als 10.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland an Infektionen, die sie im Krankenhaus erworben haben. Genaue Zahlen kennt niemand.... mehr

Zeckenstich ist kein Grund zur Panik
Regelmäßig im Frühling geraten Zecken in die Schlagzeilen. Dabei werden oft Ängste geschürt, ohne dass Menschen informiert werden... mehr
Dringend impfen
Wer nach Afrika reisen möchte - insbesondere in Länder des sogenannten Meningitis-Gürtels, sollte sich unbedingt gegen Meningokokken-Meningitis impfen... mehr



Anzeige


Anzeigen