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26.09.2012
Der digitale Spielplatz - Chancen und Risiken
Viele Eltern wissen nicht, was ihre Sprösslinge online treiben
VON CORNELIA SCHULZE

Paderborn. Ein Fernsehgerät im Kinderzimmer wirkt mit Blick auf die digitalen Kommunikationstechniken schon fast rückständig. Wenn schon Technik, dann bitte ein Computer, der alle Stücke spielt: Internet, Fernsehen, Kommunikationszentrale, Spieloase. Doch egal mit welcher Technik: "In jedem Fall gehört der Computer nicht dort hin, wo das Kind schläft. Davon abgesehen kann man allerdings nicht sagen, dass die digitalen Technologien per se schlecht sind‘‘, sagt Dr. Walter Kowalczyk, Leiter der psychologischen Beratungsstelle Paderborn. Der erfahrene Schulpsychologe beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Kinder und Medien und hat dazu schon zahlreiche Bücher veröffentlicht.

"Das Internet mit seinen vielen Möglichkeiten ist im Vergleich zum Fernsehen wenigstens interaktiv", sagt Kowalczyk. Es biete soziale Netzwerke an – deren Qualität "ein anderes Thema" sei. Aber unterm Strich setze die Onlinenutzung eine Denkleistung voraus. Das alles haben wir beim Fernsehen nicht. "Fernsehen wird nur konsumiert", so Kowalczyk, der die Gefahren des gesteigerten Medienkonsums keinesfalls verharmlost. Zumal sich in seiner Beratungsstelle die Computer- oder Onlinesucht zu einem Schwerpunktthema entwickelt.

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Grunddaten Kinder und Medien

Praxisleitfaden Medienkompetenz für Lehrkräfte an Ganztagsschulen


Soziale Netzwerke ersetzen zunehmend Cliquentreffen. Gestern hat sich die Clique in der Eisdiele getroffen, heute bei Facebook. Mit dabei sind dann nicht nur die wirklichen Freunde, wie die Eskalation bei der jüngsten fehlgeleiteten Facebook-Party in Haren (Niederlande) am vergangenen Wochenende gezeigt hat. Weit mehr als die Hälfte aller Jugendlichen in Deutschland ist bei sozialen Netzwerken angemeldet, bei vielen gilt: Masse statt Klasse. Wer viele Freunde hat, ist vermeintlich sehr beliebt. Die meisten Jugendlichen nutzen diese Unterhaltungsspielwiesen, um sich mit ihren Freunden oder Bekannten schnell auszutauschen und über die neuesten Aktivitäten informiert zu sein. Freizeitplanung war gestern, Entscheidungen in letzter Minute bestimmen den Alltag.

"Es gibt hier eine Geschlechtertrennung. Soziale Netzwerke werden intensiver von Mädchen genutzt. Sie mögen es, ihre Meinungen ohne den direkten Kontakt mit dem Gegenüber auszutauschen, in gewisser Hinsicht anonym zu bleiben, Geschichten zu posten und auch ihren Frust herauszulassen. Die Jungens hingegen sind mehr die Spielertypen im Netz. Sie erliegen eher dem Reiz der Shooter", resümiert Kowalczyk, der mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut für Niedersachsen, unter der Leitung von Professor Christian Pfeiffer, daran arbeitet, wissenschaftlich verlässliche Daten für die neue Form der Abhängigkeit zu sammeln."Die Dunkelziffer, wer onlinesüchtig ist, liegt sehr hoch", stellt Kriminologe Christian Pfeiffer fest. Außerdem habe das Internet erst eine Geschichte von 15 Jahren. Aus den bisher vorliegenden Daten schließen die Experten, dass sieben Prozent aller Jugendlichen, die das Internet regelmäßig nutzen, massiv gefährdet sind – Tendenz steigend.

Aussagekräftige, allgemeine Daten bietet die JIM-Studie, die seit 1998 das Medienverhalten von 12- bis 19-Jährigen verfolgt. Kooperationspartner bei der JIM-Studie sind unter anderen die Zeitungs-Marketing-Gesellschaft und die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg. Die Auswertung des Jahres 2011 belegt, dass neun von zehn Jugendlichen täglich bis mehrmals pro Woche ein Handy benutzen. Mit jeweils 89 Prozent unmittelbar dahinter liegen das Internet und das Fernsehen. 34 Prozent beschäftigen sich mit Computer- und Konsolenspielen. "Und dabei müssen wir die technische Entwicklung berücksichtigen. Mit den Smartphones sind neue Geräte auf dem Markt, die uns überall online sein lassen", warnt Kowalczyk.

Wann aber ist ein Kind süchtig? Wenn Kinder und Jugendliche stundenlang vor dem Computer sitzen, ist das kein eindeutiger Indikator für ein Suchtverhalten. "Wir sprechen von einer Gefährdung, wenn jemand in seiner Freizeit das Internet überwiegend nutzt, um bestimmte positive Effekte wie Entspannung, Belohnung oder Anerkennung zu erreichen. Hellhörig sollte man werden, wenn andere Hobbys, wie zum Beispiel das geliebte Fußballspielen, plötzlich überhaupt keinen Reiz mehr haben und Freunde so gut wie nie außerhalb des Netzes getroffen werden. Dazu kommt, dass die Kinder schlecht schlafen. "Ich habe schon extreme Fälle erlebt, in denen die betroffenen Kinder nicht mehr ansprechbar waren", beschreibt Schulpsychologe Kowalczyk seine Erfahrung und ergänzt: "Wir arbeiten daran, dass es erst gar nicht so weit kommt."

Pfeiffer verweist auf zusätzliche negative Folgen: "Je mehr Zeit die Jugendlichen mit Medienkonsum verbringen und je brutaler dessen Inhalte sind, desto schlechter fallen die Schulnoten aus." Und zwar bei beiden Geschlechtern, auch wenn die sich im Netz unterschiedlich verhalten. Mädchen lieben Chats, Facebook, Twitter & Co. Durch diese Kommunikation werden sie häufiger Opfer, aber auch eher Täter in Sachen Cybermobbing, bei dem eine Person in aller Netzöffentlichkeit beleidigt und zur Schau gestellt wird. Die Hemmschwelle im Internet ist niedriger, die Nutzer werden mit den Vorgeführten nicht persönlich konfrontiert.

"Die Jungen tragen solche Konflikte eher persönlich aus", so die Erfahrung von Kowalczyk, der die männlichen Jugendlichen anderen Gefahren ausgesetzt sieht. "Viele Computerspiele funktionieren nur in der Gemeinschaft – an sich eine gute Sache, doch der Druck, der zeitweise aufgebaut wird, ist enorm. Wenn man als Mitspieler nicht da ist, fliegt man leicht aus dem Team. Die Folge: Teilnehmer entscheiden nicht mehr selbst, wie lange sie spielen, sondern ordnen sich unter." Fatal, wie bei anderen Süchten, ist, dass die Betroffenen ihren Rückzug ins Netz nicht als Flucht vor der Realität empfinden.Was ist zu tun? Den Computer, die Online-Medien zu verbannen, bringt keine Lösung. Digitale Kommunikation ist Alltag. Den trainiert Walter Kowalczyk mit den Betroffenen. "Eltern und Erwachsene haben Vorbildfunktion. Und es tut allen gut, wenn das Handy mal ausgeschaltet ist und der Computer runtergefahren. Es geht einmal mehr um die Zeit, die man miteinander verbringt, und das wirklich aufrichtige Interesse. Viele Eltern wissen überhaupt nicht, was ihre Kinder online treiben, und verpassen die Chance, von und mit ihren Kindern etwas zu lernen."

Und das haben die Eltern offenbar nötig, wie die KIM-Studie aus dem Jahr 2010 belegt. Eltern finden ein Filterprogramm enorm wichtig – es ist allerdings ist nur auf 14 Prozent der Computer, die Kinder benutzen, installiert. Die meisten Erziehungsberechtigen müssen bei der Installation passen. Es ist folglich von Vorteil, sich in Sachen Chat, Spiele und Facebook als Erwachsener auszukennen. "Nur so können sie mit ihren Kindern ernsthaft kommunizieren, und wer sich auskennt, kann nicht so schnell aufs Glatteis geführt werden", erzählt Kowalczyk aus seiner Praxis, in der er sich immer mehr mit der Sucht und Flucht in die digitale Scheinwelt beschäftigen muss.

www.mediensucht-paderborn.de

LfM stellt neuen "Praxisleitfaden Medienkompetenz für Lehrkräfte an Ganztagsschulen" vor

Medien als Thema im Unterricht

Lehrerinnen und Lehrer an Ganztagsschulen können die Medienarbeit mit ihren Schülerinnen und Schülern nun mit einer speziellen Handreichung angehen. Die Landesanstalt für Medien NRW (LfM) hat zu diesem Zweck heute (19. September) in Düsseldorf den "Praxisleitfaden Medienkompetenz für Lehrkräfte an Ganztagsschulen" veröffentlicht und im Rahmen einer Fachtagung vorgestellt.

Wie können der Einsatz und die Thematisierung von Medien im schulischen Ganztag aussehen? Zur Beantwortung dieser Frage möchte die LfM mit dem Leitfaden einige Anregungen geben. In dem von Schulen ans Netz e. V. erstellten Material wurden Erfahrungen aus dem LfM-Projekt "Medienkompetenz an der Ganztagshauptschule" zusammengestellt und konkrete Beispiele zur Nachahmung für die Praxis aufbereitet. Ein abschließender Serviceteil bietet zudem eine umfangreiche Übersicht zu Materialien, Projekten und Webseiten für die Medienarbeit in der Schule.

LfM-Direktor Jürgen Brautmeier sagte: "Wie Jugendliche Medien nutzen, ist für Erwachsene oft unverständlich, manchmal auch problematisch. Daher ist es wichtig, das Mediennutzerverhalten von Jugendlichen zu verstehen. Das geht am besten, wenn z. B. Lehrkräfte an den vorhandenen Kompetenzen der Jugendlichen bei der Mediennutzung ansetzen. Hier soll der neue Leitfaden helfen."

Die Empfehlungen können schulformübergreifend an Ganztagsschulen der Sekundarstufe I eingesetzt werden. Der schulische Ganztag mit seinen vielfältigen inhaltlichen und strukturellen Möglichkeiten bietet eine Chance, auf sehr unterschiedliche Weise Medien zu thematisieren und in die schulische Praxis zu integrieren. Dabei sollen die spielerisch-kreativen Ansätze Schülerinnen und Schüler für die Auseinandersetzung mit Medienthemen besonders motivieren.



Surfen, wetten, kaufen: Die Verführung im Netz

Die Wissenschaft unterscheidet unterschiedliche Onlinesüchte:

  • Spielsucht: Dazu zählen Rollen- und Glücksspiele wie Poker und Wetten.
  • Kommunikationssucht: Darunter fallen Chatten, E-Mails, Newsrooms, Partnerbörsen und die Nutzung sozialer Netzwerke wie Facebook.
  • Sexsucht: Die übermäßige Nutzung von Pornografie- und Erotikseiten.
  • Kaufsucht: Der Zwang, im Netz einzukaufen, Konsum, Auktionen und auch Musik-Downloads.
  • Surfen allgemein: Die permanente Sucht nach immer neuen Informationen.
  • Eine eindeutige Definition dafür, wann jemand onlinesüchtig ist, gibt es nicht. Anzeichen sind der Abbruch von sozialen Kontakten, der Rückzug in die eigenen vier Wände und ausschließliche Onlineaktivitäten. Die aktuellste Studie mit vielen Daten und Grafiken zum Thema Mediennutzung durch Kinder finden Sie unter www.nw-gesund.de und www.internetsucht-hilfe.de.


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