Donnerstag, 17.04.2014
Impressum | Kontakt | AGB Facebook | Twitter | nw-news.de



22.09.2012
Familiärer Stress vor dem Zubettgehen führt zu Störungen
Auch Fernseh- und PC-Konsum Ursache für unruhigen Schlaf
VON CORNELIA SCHULZE

Wunderbarer Anblick für alle Eltern | FOTO: DPA

Bielefeld. Jedes Kind hat seinen eigenen Schlafrhythmus – es muss ihn nur finden, und dabei können Eltern nachhaltig helfen. Den Tag gemeinsam ausklingen lassen: Das ist die beste Vorbereitung für eine geruhsame Nacht von Kindern und Eltern.

Das Leben könnte für Livia und Marco fabelhaft sein. Die Eltern von Tim, neun Monate alt, sind aber nur noch genervt vom schrillen Gebrüll ihres Sprösslings. Jede Nacht heißt es: raus aus den Betten, rein in den alten Golf, dessen Motorengeräusche das Einzige sind, das Tim zur Ruhe bringt. So eine Episode aus dem aktuellen Kinofilm "Nachtlärm". In unterschiedlichen Varianten ist sie für viele Eltern bittere Realität. Wobei es auf die Betrachtungsweise ankommt, denn das schreiende Baby ist nicht etwa das Problem, sondern der Winzling hat eines.

Diplomsozialpädagogin Manuela Skowronek wird täglich mit Schlafstörungen bei Säuglingen und Kleinkindern konfrontiert. "Schlafen ist zu einem großen Thema geworden, das ich sehr ernst nehme. Grundsätzlich muss man sich klar darüber sein, dass sich die Schlafzyklen von der Geburt bis ins hohe Alter immer wieder verändern", erklärt die Leiterin der Beratungsstelle im Sozialpädiatrischen Zentrum des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld. Für die Eltern sei es wichtig zu wissen, dass "jeder Mensch einen eigenen Schlafrhythmus" hat. Und den müssen Säuglinge erst einmal finden.

Übermüdung bei den Kleinsten vermeiden

Eine klare Struktur hilft dem Baby, den Wechsel von Aufwachen, Füttern, Wachphasen und Schlaf zu entwickeln, so Skowroneks Rat. Die bei Säuglingen noch kurzen Wachphasen sollten Eltern nutzen, positive Momente für sich und das Kind zu schaffen – weit weg von der Negativ-Schreierfahrung. Eine Übermüdung sei gerade bei den Kleinsten zu vermeiden. "Nach einer bis eineinhalb Stunden Wachzeit sollten die Babys regelmäßig hingelegt werden, auch wenn sie noch nicht müde erscheinen."

In vielen Fällen, mit denen sich Manuela Skowronek intensiv beschäftigt, stellt sich glücklicherweise heraus, dass ihre Patienten keine Schlafstörung haben. "Schlafen ist ganz individuell. Manche Kinder brauchen Nähe, andere schlafen völlig problemlos in ihren Bettchen. Die einen lieben den Mittagsschlaf, die anderen verweigern sich."

Auffällig in Richtung Schlafstörung ist es erst, wenn ein Kind über mehrere Wochen drei- bis viermal in der Nacht aufwacht und von alleine nicht mehr einschlafen kann. Dann ist es ratsam, zum Kinderarzt zu gehen. "Die Hilfesuchenden werden zu mir überwiesen. Es gibt leider keine Patentrezepte, nach denen alle Kinder wie auf Knopfdruck einschlafen. Wichtig ist, wie in anderen Bereichen auch, von Anfang an eine Kontinuität zu schaffen. Gute-Nacht-Rituale, die Ruhe und Vertrautheit vermitteln, helfen enorm. In keinem Fall und in keiner Altersstufe sollte das Bett als Ort der Bestrafung eingesetzt werden", wünscht sich die Schlafexpertin.

Biorhythmus verschiebt sich im Jugendalter

Der kindliche Schlafbedarf verringert sich mit zunehmendem Alter, bleibt aber individuell. Die sogenannten Lerchen kommen morgens leicht aus dem Bett, werden aber abends relativ früh müde. "Eulen" schlafen morgens gerne lange, sind abends allerdings kaum ins Bett zu bekommen. Das muss bei der Schlafplanung berücksichtigt werden. Ebenso die Tatsache, dass sich im Jugendalter der Biorhythmus in Richtung spätere Schlafenszeiten verschiebt.Wer die Schlafzeit seines Kindes problematisch findet, hilft sich mit einem Schlafprotokoll. Nach einigen Wochen gibt es über das tatsächliche Schlafbedürfnis des Kindes Aufschluss, und entsprechend sollten die Bettzeiten verändert werden.

"Wenn dabei herauskommt, dass bei einem Kind Schlafstörungen auftreten, oder wenn Kinder tagsüber müde, unkonzentriert und hyperaktiv sind, ist es sinnvoll, sich ärztlichen Rat zu holen", sagt auch Dr. Alfred Wiater, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin.

Schlafstörungen nehmen kontinuierlich zu

Wiater ist einer der Väter der "Kölner Kinderschlafstudie", die von 2003 bis 2008 gelaufen ist. Die Daten sind nach wie vor aktuell. Den Beobachtungen nach nehmen Schlafstörungen kontinuierlich zu, insbesondere infolge der immensen Reizeinwirkungen, denen Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind und/oder sich selbst aussetzen. "Da gibt es ausgiebige Fernsehzeiten, Internetaktivitäten und insbesondere PC-Spiele, die den Schlaf nicht nur stören, sondern auch das Lernen hemmen und emotional belastend sein können", sagt Wiater. Die Ergebnisse der Studie zeigten,  dass jedes vierte hyperaktive Kind zu Schlafstörungen neigt. 

In der Studie wurden Kinder im Alter zwischen fünf und elf Jahren nach Schlafenszeiten, nächtlichem Aufwachen und Gründen für ihre Schlafstörungen befragt. Etwa 10 Prozent der befragten Kinder aus der vierten Grundschulklasse gaben an, mit dem Einschlafen bereits Probleme zu haben. Bemerkenswert dabei: Nur 5 Prozent der parallel befragten Eltern meinten, ihre Kinder hätten damit Probleme. Jedes vierte Kind zwischen neun und elf Jahren gab an, manchmal oder gar häufig unter Tagesmüdigkeit zu leiden. Bei den Eltern war es im Schnitt nur jeder Fünfte, der dies von seinem Kind glaubte.

Als wesentliche Gründe für Schlafstörungen ergaben sich neben Licht- und Lärmbeeinträchtigungen familiärer Stress sowie Fernseh- und PC-Konsum vor dem Schlafengehen. Mehr als jedes dritte neunjährige Kind gab an, einen Fernseher im eigenen Zimmer zu haben; mehr als jedes zweite sah darin die Ursache für seinen unruhigen Schlaf.

Für Schulkinder und Jugendliche gilt im Prinzip das Gleiche wie für Säuglinge und Kleinkinder – nur mit kürzeren Schlafzeiten. "Ein regelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus, eine ruhige, abgedunkelte und nikotinfreie Schlafumgebung und das Ausklingenlassen des Tages vor dem Schlafengehen sind wichtig. Ohne Reizwirkungen durch Fernsehen, Computer und ohne familiären Stress", so Experte Wiater.


Wer richtig wach sein soll, muss vorher gut geschlafen haben

Kinder ticken anders – zumindest was den Schlafrhythmus betrifft. Chronobiologen, die sich mit unserer inneren Uhr beschäftigen, sind davon überzeugt, dass Kinder einen anderen biologischen Rhythmus haben und deshalb zum Beispiel der frühe Schulbeginn geradezu Gift für das kindliche Wohlbefinden ist.

Zwischen halb sieben und sieben Uhr morgens hat der junge Organismus einen absoluten Tiefpunkt. Und genau dann soll er voll auf Touren kommen. Die Folgen liegen auf der Hand: Appetitlosigkeit, Konzentrationsschwächen, Trägheit, Unaufmerksamkeit, auch auf dem Schulweg.

Das Hormon Melatonin spielt bei der Steuerung des Schlafbedürfnisses eine wichtige Rolle. Es wird bei Dunkelheit produziert, macht müde und passt den Schlafrhythmus an die Tageszeit an. Stubenhocker und Computerfreaks, die seltener ans Tageslicht kommen, leiden deshalb des Öfteren an Müdigkeit. Bei Licht wird die Produktion des Hormons gehemmt, viel Licht wirkt wie ein biologischer Wecker.

Den Einfluss des Lichts auf unseren Rhythmus erforschte Chronobiologe Dr. Dieter Kunz, Chefarzt der Abteilung Schlafmedizin am Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus. Aufgrund seiner Ergebnisse veränderte er in Schul- und Vorlesungsräumen die Lichtintensität.

Der Schlafmediziner ist grundsätzlich davon überzeugt, dass Schul- und Arbeitszeitmodelle in Bezug auf die Zeit überdacht werden müssen. Kunz: "Wer richtig wach sein will, muss vorher gut geschlafen haben." (cs)

Mehr zum Thema in nw-gesund.de

Weitere Nachrichten für Familien
Kinder mit Asthma atmen auf
Der Wecker von Walter Hohdorfer (35) klingelt morgens um halb sieben. Noch einmal auf die Seite drehen und ein wenig schlummern... mehr
Eine Impfung gegen Masern lohnt sich
Von wegen "Kinderkrankheit": Fast 40 Prozent der diesjährigen Masernkranken waren über 20 Jahre alt. Das ist ein Drittel mehr als noch vor zehn Jahren... mehr

Dicke Kinder: OP keine Lösung
Hierzulande gelten 15 Prozent der 3- bis 17-Jährigen als zu dick, 800.000 von ihnen gar als fettleibig. Kann eine Operation auch für diese... mehr
Schüler: Den Schulanfang leicht machen
Der Schulanfang ist ein ganz besonderer Tag im Leben eines jeden Kindes. Doch auf rheumakranke Kinder kommen neben der Vorfreude und der Spannung auf... mehr



Anzeige